Bully: Die Ehrenrunde

Bully: Die Ehrenrunde

20. Mai 2008 - 15:52 Uhr geschrieben von Dai-Lee

Jimmy Hopkins, ein junger Rebell mit großer Klappe und schlechte Manieren fliegt von einer Schule nach der Anderen. Seine Mutter und der Stiefvater haben endgültig die Faxen dicke und wollen zudem noch Zeit für sich haben. Deshalb verdonnern sie Jimmy dazu, ein Jahr lang die Bullworth Academy zu besuchen.

Troublemaker
Schon bald erfährt Jimmy, dass das Motto der Schule „Canis Canem Edit“ (frei übersetzt aus dem Lat.: „Hund frisst Hund“; „Jeder ist sich selbst der Nächste“, oder „Nur der Stärkste überlebt“) ihr zu Ehren reicht. Sein Zimmergenosse ist Gary, ein Psychopath mit Medikamenten-Affinität. Zuerst erweist sich Gary als guter Freund, doch dann muss Jimmy feststellen, dass er auf sich alleingestellt ist. Von nun an müsst ihr euch in der Haut des jungen Hopkins gegen allerlei schmierige Rowdies zur Wehr setzen.

Hölle auf Erden
Hier wird geflucht, gemobbt und rebelliert, bis der Arzt kommt. Wer die Rütli Schule für einen schlimmen Ort hält, wird an der Bullworth Academy nicht alt. Spinde werden geknackt, kleine Kinder in den Müllkorb gesteckt, Graffiti an die Schulwände gesprüht und Mitschüler mit Stinkbomben und Juckpulver eingedeckt. Lehrer saufen sich halb um den Verstand und landen in der Psychiatrie, die Schulköchin rotzt in die Suppe und ein Penner lebt auf dem Schulgelände. Hört sich spaßig an? Ist es auch! Selten fand ein so ausgefallenes Szenario seinen Weg auf eine Konsole und wurde dabei so gut umgesetzt. Die Realität wird wiedergespiegelt, aber das in einer herrlich übertriebenen Art und Weise. bully_diehrenrunde18.jpgDer Einfallsreichtum sucht in diesem Spiel seines Gleichen: sucht Kontakt zu den verschiedenen Cliquen und zeigt ihnen, wer der Boss ist, helft Lehrern, die ihr mögt und terrorisiert umgekehrt Pauker, die euch auf die Nerven gehen, besucht den Jahrmarkt, nehmt an Fahrradrennen teil, spielt Paparazzi oder Amor, in dem ihr der Schulköchin Edna ein Date mit dem Chemielehrer verschafft, erledigt Besorgungen für Mitschüler oder sammelt Trading-Cards und Gummibänder. Ach ja: Unterrichtsbesuch steht natürlich auch noch auf dem Plan!

Schule macht schlau
Soviel Spaß Schuleschwänzen auch macht: ab und zu sollte der liebe Jimmy nämlich auch mal den Unterricht besuchen, um das Schuljahr zu schaffen. Dabei stehen so abwechslungsreiche Fächer auf dem Plan wie Englisch, Mathe, Erdkunde, Biologie, Musik, Sport, Kunst und Werkunterricht. Die Unterrichtsstunden sind aber nicht nur dazu da, um euch zu langweilen, sondern belohnen euch nach jeder erfolgreichen Unterrichtsstunde mit Bonusgegenständen, wie neuen Kleidungsstücken oder erweiterten Chemie-Kenntnissen, die ihr zum jederzeitigen Herstellen von Stinkbomben, Juckpulver etc. einsetzen könnt. Wenn ihr die gesamten fünf Stunden des Kunstunterrichts erfolgreich absolviert, erwartet euch eine besondere Belohnung: ihr dürft jederzeit jedes Mädchen auf dem Schulgelände küssen und euch so das Doppelte an Lebensenergie verschaffen, was gerade bei kampflastigen Aufgaben sehr hilfreich sein dürfte.

Die verschiedenen Cliquen
Während ihr Jimmy über durch die Schule bewegt werden euch verschiedene Cliquenmitglieder ansprechen oder gar mobben. Schon nach kurzer Zeit haben die Bullies es auf euch abgesehen und terrorisieren euch bei jeder sich bietenden Gelegenheit: sie springen euch in den Nacken, fordern Geld, beleidigen und schlagen euch. Schon nach kurzer Zeit platzt Jimmy der Kragen: er prügelt sich mit den Schlägern und zeigt ihnen, dass sie nicht die Einzigen sind, die austeilen können. Auf dem Schulgelände habt ihr die Wahl, wie ihr mit feindlichen Gruppen umgehen wollt: ihr könnt sie schmieren, euch entschuldigen oder ihnen Saures geben. Um euch erfolgreich entschuldigen zu können ist der Besuch des bully_diehrenrunde11.jpgEnglisch-Unterrichts ein Muss. Mit jeder abgeschlossenen Stunde lernt ihr, euch besser zu entschuldigen und ihr werdet somit eher in Ruhe gelassen. Fairness kennen Schlägertypen übrigens nicht: anstatt das nach und nach jeweils einer aus der Clique auf euch eindrischt, gehen gleichzeitig alle auf euch los. Wenn ihr also in der Unterzahl seid, solltet ihr schleunigst die Beine in die Hand nehmen. Die Schule hält verschiedene Gangs bereit, mit denen ihr es aufnehmen bzw. ihren Respekt erwerben müsst: Die Nerds (Streber), die Preps (reiche, inzestuöse Muttersöhnchen), die Greaser (James Dean Verschnitte), die Jocks (Sport-Junkies) und die Bullies (chronische Mobber, die es lieben, anderen eins auf die Glocke zu geben), sowie die Städter (mit denen habt ihr eher wenig zu tun). Nach und nach tretet ihr im Verlauf des Spiels mit jeder Gruppe in Kontakt und erledigt Aufgaben für die jeweiligen Cliquen, bis es zur Konfrontation kommt und ihr anschließend die Herrschaft über die jeweilige Gruppierung an euch reißt. Die Gangs unter sich sind sich natürlich spinnefeind und gehen sich gegenseitig auf den Keks, so dass ihr z.B. nach einer erledigten Aufgabe für die Streber Sympathien bei den Jocks einbüßt. Euer jeweiliges Verhältnis zu den Gruppen könnt ihr im Menü jederzeit einsehen.

Geld regiert die Welt
Jimmy kommt seinem Ziel König der Schule zu werden mit der Zeit immer näher. Auf dem Weg dahin führt ihn sein Weg auch in verschiedene Stadtteile, in denen er sich neue Klamotten kaufen kann, an Radrennen teilnimmt, Einkäufe tätigt oder zum Friseur geht. Um an das nötige Kleingeld zu kommen kann er diverse Nebenjobs annehmen: Zeitungen mit dem Fahrrad in Paperboy-Manier austragen, Rasenmähen oder Aufgaben erfüllen (zum Beispiel Geleitschutz geben). Mit dem Geld lässt sich aber noch mehr anfangen: wie bereits erwähnt könnt ihr Schmiergeld zahlen, um eure Ruhe zu haben und Pralinen kaufen, um die Liebste zu betören. Ein Jahrmarktbesuch kostet auch Bares, ist aber immer wieder das geringe Entgelt wert.

Die Grafik
Zur Grafik lässt sich sagen, dass es ein gelungener Port der PS2 Version ist. Grafisch reißt das Spiel keine Bäume aus, hinterlässt aber einen mehr als ordentlichen Eindruck. Obwohl die Stadt und insbesondere die Schule mit vielen CPU Charakteren aufwartet, ruckelt das Spiel nie. Slowdowns konnte ich bisher keine ausmachen, obwohl ich seit mehr als 25 Stunden spiele. Pop-Ups gibt’s so gut wie keine. Höchstselten taucht plötzlich ein Gebäude vor euch auf, das bisher noch nicht zu sehen war. Die Mimik und Gestik der Charaktere ist gut gelungen und charismatisch – ein Wiedererkennungseffekt tritt ein und verleiht den Spielfiguren viel Persönlichkeit. Die Animationen sind ordentlich und wirken nicht abgehakt. Ein überdurchschnittlich gut aussehendes Spiel auf der Wii.

Der Sound

Die Musik ist eher unauffällig und tritt vor allem in den Vordergrund, wenn Jimmy z.B. auf ein Fahrrad steigt und durch die Gegend kurvt, oder gerade auf der Flucht vor einem Präfekten oder Ordnungshüter ist. Die Soundeffekte sind satt und jeweils passend. Die Synchronisation muss lobend hervorgehoben werden: sie wurde (Gott sei Dank!) nicht ins Deutsche übersetzt und wartet so mit talentierten, frechen Sprechern auf, die ihren Job sehr gut machen!

Atmosphäre

Ganz einfach fantastisch: es ist ein tolles Gefühl, am Unterricht teilzunehmen, Schülern zu helfen oder feindliche Banden zu terrorisieren, durch die Stadt zu streifen und etliche Nebenaufgaben zu bestreiten! Alles wirkt in sich geschlossen und gut aufeinander abgestimmt. Gerade durch die etwas überspitze Präsentation prägt sich die Welt tief ins Zockergedächtnis ein und verleitet immer wieder dazu, der virtuellen Schule einen Besuch abzustatten.

Steuerung
Insgesamt gut gelungen, nur die Auswahl des Skateboards ist mit dem gleichzeitigen Drücken der Minus- und Plustaste etwas umständlich. Die Steuerung wirkt auf mich, im Gegensatz zu so
manchem Spielemagazin, nicht chaotisch, sondern sinnvoll. Hinzu kommt bei der Wii-Version, dass ihr Jimmy’s Fäuste mit Nunchuk und Wiimote fliegen lasst: das geht auf Dauer in die Arme, trainiert sogar ein bisschen und macht einfach Spaß. Die Tasten werden allesamt benutzt und sind sinnvoll belegt. Man fühlt sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase keineswegs überfordert, sondern ist sehr zufrieden mit dem Endergebnis. Die Pointerfunktion und die Bewegungssensoren der Wii-Fernbedienung und des Nunchuks kommen bei den Minispielen im Unterricht zum Einsatz, z.B. beim Sezieren von Fröschen oder Musizieren mit Rasseln. Einfach, unkompliziert und schnell verinnerlicht – so soll’s sein!

Fazit
Was wurde nicht im Vorfeld für ein Wirbel um das Spiel gemacht: „nur“ ein PS2 Port, keine Wii-Eigenentwicklung, ein Spiel, dass Gewalt an Schulen toliert / fördert etc… Alles Quatsch! Eine tolle Portierung ist zehnmal mehr wert als eine schlechte Eigenentwicklung. Außerdem fördert das Spiel keine Gewalt, sondern ist nur arg ironisch. Wer den Simpsons- oder South Park-Humor mag, wird Bully lieben. Das Spiel fordert weder indirekt noch direkt dazu auf, im realen Leben seine Mitschüler zu tyrannisieren. Im Gegenteil: selbst im Spiel revanchiert sich Jimmy fast ausschließlich bei Leuten, die ihn zuvor terrorisiert haben. Er beschützt sogar oftmals schwächere Gruppen wie die Streber. Außerdem sollte man Videospiele eh nicht für bare Münze nehmen: ein Resi-Zocker wird wohl auch kaum mit einer Pump-Gun auf die Straße rennen und Leute, die er für Zombies hält, abknallen. Kurzum: viel heiße Luft um nichts. Das Game nimmt sich selbst auf die Schüppe und veräppelt den Schulalltag kräftig. Allen Leuten, die etwas außergewöhnliches suchen und GTA mögen, kann ich Bully für die Wii (oder Xbox360 / PS2) nur an’s Herz legen: schlagt zu. Ihr werdet es nicht bereuen!